Nathan in Broich

Lessings Drama Nathan der Weise wird schon seit langem auf der Bühne aufgeführt und ständig modernisiert, so dass es schon zahlreiche Aufführungen mit ganz unterschiedlichen Interpretationen und Umsetzungen gab. Das Drama bietet diese vielen Möglichkeiten der Umsetzung an, denn es präsentiert ein zeitloses Thema: Es handelt von Toleranz und Akzeptanz, bezogen auf die drei Weltreligionen. Der Schauplatz ist das von Sultan Saladin beherrschte Jerusalem zur Zeit der Kreuzzüge. Der reiche und weise jüdische Kaufmann Nathan kehrt von einer Geschäftsreise zurück und erfährt, dass seine Adoptivtochter Recha von einem Tempelherrn, einem christlichen Ritter, aus seinem, Nathans, brennenden Haus gerettet wurde. Höhepunkt des Dramas ist die Ringparabel, ein „Märchen“, das Nathan dem Sultan erzählt, um die Frage zu beantworten, welche die wahre Religion sei. Die Parabel handelt von einem Ring, der an drei Söhne vererbt werden soll und, um dies fair zu gestalten, verdreifacht wird, was zu Streit zwischen den Brüdern führt, die sich nun die Frage stellen, welcher der wahre Ring sei. Ein Richter macht ihnen klar, dass es möglicherweise gar keinen ursprünglichen Ring gibt, da dieser wohl verloren ging. Im Anschluss stellt sich heraus, dass Recha, der Tempelherr und der Sultan miteinander verwandt sind. Als so alle Vorurteile aus dem Weg geschafft sind, fallen am Ende alle einander glücklich um den Hals.
 
In der Inszenierung der Schauspieler des Theaters Süd aus Essen spielten nur drei Schauspieler mit. Einer verkörperte Nathan und die beiden anderen spielten jeweils mehrere Rollen. Das spannende daran: Manche Nebencharaktere wurden weggelassen, ihre Redeanteile zum Teil den verbliebenen Hauptcharakteren zugeschlagen. Die Charaktere trugen kittelartige Roben in unterschiedlichen Farben, die für die jeweilige Religion standen. So konnte man sehr gut den Überblick über die verschiedenen Religionen behalten. Das Bühnenbild bestand aus einem Koffer mit einer Lichterkette drumherum. Dies sollte Nathans Haus beschreiben und Nathans Reisen unterstreichen. Dadurch dass die Sachen häufig auf der Bühne hin und her gezogen wurden, wurden Nathans Reisen zusätzlich verbildlicht. Bei der Aufführung wurde viel mit Licht gearbeitet; häufig wurde es für eine längere Zeit ganz dunkel, oder die Charaktere sind mit einer Lampe durch den Raum gelaufen, um den Fokus auf sich zu legen. Auch wurde einmal ein Schüler im Publikum aufgefordert die Lampe zu halten und den Schauspieler auf der Bühne anzuleuchten. Außergewöhnlich war, dass Nathan fast die komplette Aufführung über geschwiegen hat. Erst als die Ringparabel kam, fing er an, seine Weisheiten zu sprechen. Die Ringparabel stellte den Schluss der Inszenierung dar. Es gab dementsprechend, anders als in der Vorlage, keine familiäre Umarmung. 
 
Gerade dadurch, dass Nathan nur am Ende bei der Ringparabel sprach, wirkte er mächtig und weise. Manchmal ist Schweigen das Beste, was du tun kannst, und das wurde in dieser Inszenierung sehr schön verdeutlicht. Die Ideen mit den verschieden farbigen Kleidungsstücken fand ich eine sehr kreative und gute Lösung, weil man so einen Überblick hatte und zudem auch noch der Fokus auf dem Rang der Religionen lag. Zu Anfangs war mir die Bedeutung der Lichterkette um den Koffer von Nathan nicht ganz bewusst. Erst im Laufe des Stückes wurde mir klar, dass es irgendetwas mit Nathan Haus zu tun haben soll. Dadurch dass diese Lichterkette Raum für verschiedene Interpretationen ließ, wurden die Zuschauer zum Mitdenken angeregt, und das finde ich bei Theaterstücken immer wichtig und gut. Auch dass die Schauspieler ab und zu im Publikum rumliefen oder sich sogar ins Publikum setzten, war eine gute Abwechslung und sorgte dafür, dass die Zuschauer aufmerksam blieben. Auch der Einbezug das einen Schülers sorgte nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen anderen für Begeisterung. 
Umstritten im Publikum war das Ende. Nicht alle waren begeistert davon, dass die Ringparabel am Ende stand. Ich finde die Ringparabel enthält die stärkste und wichtigste Aussage des Dramas und kann somit durchaus am Ende stehen.
Insgesamt fand ich die Inszenierung gut gemacht mit vielen kreativen Ideen und ich würde sie auf jeden Fall weiterempfehlen.
 
Emilia Dally, Q1