"Abendmahl, gehört das zu beiden?"

Für den evangelischen Religionslehrer Nils Hayn endet nun die erste Etappe des Modellprojekts KoKoRu. Nach den Sommerferien übernimmt die katholische Kollegin. Das Konzept findet er stimmig.
 
Der konfessionell-kooperative Religionsunterricht ist vor einem Jahr als Modellprojekt in Nordrhein-Westfalen gestartet: evangelische und katholische Schülerinnen und Schüler werden gemeinsam unterrichtet. Autorin Bettina von Clausewitz hat den Unterricht in einem Gymnasium in Mülheim an der Ruhr besucht.
Reli-Unterricht in der sechsten Klasse des Städtischen Gymnasiums Broich
 
So müssen die Initiatoren in den evangelischen Landeskirchen und den katholischen Bistümern sich den konfessionell-kooperativen Religionsunterricht – kurz KoKoRu – vorgestellt haben: miteinander zu lernen und nicht nur übereinander, eine eigene konfessionelle Identität zu entwickeln und dialogfähig im Glauben zu werden.
Während draußen die Sommerhitze auf dem Schulhof lastet, sitzen knapp 30 Sechstklässler des Mülheimer Gymnasiums Broich, einer von bisher 184 beteiligten Schulen, hoch konzentriert in mehreren kleinen Tischgruppen zusammen. Sie sind vertieft in ihre Arbeitsblätter und erklären sich gegenseitig, was das heißt, evangelisch zu sein oder katholisch. Die vier Jungs zum Beispiel, die das Arbeitsblatt „Sakramente“ studieren.
 
„Ich will was mitbekommen über Religion“
„Sakramente sind heilig“, aha, aber warum haben die Katholiken sieben und die Evangelischen nur zwei? Die sich heranbildenden „Experten“ der Gruppe werden später den anderen in der Klasse die Antwort weiter unten im Text erläutern. Vorher noch eben rausfinden, was Firmung ist. Die steht da als Sakrament neben der Taufe. Keine Ahnung? Einer läuft nach vorn zum Pult und blättert im Lexikon. Hier wissen sie sich selbst zu helfen. Während des Wartens am Tisch wirft der zwölfjährige Elias ebenso knapp wie selbstbewusst ein: „Ich bin überhaupt nicht getauft. Aber ich will trotzdem was mitbekommen über Religion.“ Fachlehrerwechsel nach einem Jahr
Für Lehrer Niels Hayn, evangelisch, endet jetzt die erste Etappe eines bisher erfolgreichen, auf drei Jahre angelegten Pilotprojekts:
„Konzeptionell funktioniert das sehr gut“, so sein Fazit nach dem ersten Jahr offizieller Laufzeit. Nach den Sommerferien übernimmt eine katholische Kollegin die Klasse, denn das ist laut NRW Bildungsministerium vorgeschrieben: Fachlehrerwechsel nach einem Jahr, um beide konfessionellen Perspektiven zu gewährleisten. Vielfach seien die Unterschiede jedoch kaum wahrnehmbar, so Hayn. „Nur bei bestimmten Themen wie etwa Kirchengeschichte oder der Feier des Glaubens im Gottesdienst.“
 
Es fehlt noch passendes Unterrichtsmaterial
Für Nils Hayn geht das KoKoRu-Konzept auf, was dem 28-jährigen Pädagogen jedoch noch fehlt, sind passende Lehrbücher. „Das meiste Unterrichtsmaterial muss man sich selbst zusammenstellen“, sagt er. Für den aktuellen Unterricht etwa hat er sechs Arbeitsblätter entworfen, in denen es neben theologischen Themen wie Eucharistie und Abendmahl oder Kommunion und Konfirmation auch um kirchliche Strukturen oder Heiligenverehrung geht. Nachdem alle Gruppen sich ausgetauscht haben, werden die Stichworte wie Blätter an einen symbolischen Baum geheftet. Die Bibel oder die Zehn Gebote, die sind unten als gemeinsame Wurzeln, keine Frage. „Abendmahl, das gehört doch auch zu beiden, oder?“, meint ein Mädchen, das auf den Tisch geklettert ist, um besser sehen zu können - auch auf die Spaltung des Baumes. Rechts geht der Ast hoch mit den Evangelischen: Reformation, Konfirmation, Luther wird noch neu dazugeschrieben. Dann weiter bei den Katholiken: Marienverehrung, der Papst, ganz klar, aber was war noch mal Zölibat?
Das Arbeitsmaterial wurde vom Lehrer selbst zusammengestellt.
Jetzt geht es um Gemeinsamkeiten“
Konfessionell-kooperativer Unterricht, das läuft wie am Schnürchen in dieser Doppelstunde mit hoch motivierten Sechstklässlern am Gymnasium Broich. Rund 900 Schülerinnen und Schüler insgesamt, gut ein Drittel evangelisch, ein knappes Drittel katholisch. Und ein weiteres ist ohne Bekenntnis oder unter „andere“ registriert; ihre Teilnahme am KoKoRu ist rechtlich auf Antrag möglich. Nur wenige haben Migrationshintergrund in diesem gut situierten Stadtteil. Hier reden schon Zwölfjährige über die Konstantinische Wende und sagen Sätze wie „Wir sind ja primär erstmal alle eine Religion“ oder „Von anderen auch mal was zu hören, find‘ ich gut“. - „Ein enorm hohes Niveau“, meint die Mülheimer Schulreferentin Sabine Dehnelt, die das neue Konzept angesichts sinkender Mitgliederzahlen in beiden Kirchen für zeitgemäß hält. „Wir haben jahrhundertelang das Trennende betont, jetzt geht es um Gemeinsamkeiten.“
„Gemeinsamkeiten stärken - Unterschieden gerecht werden“, das ist auch das Anliegen der drei beteiligten Landeskirchen Rheinland, Westfalen und Lippe sowie der vier Bistümer Aachen, Essen, Münster und Paderborn, die den konfessionell-kooperativen Religionsunterricht initiiert haben und für die Lehrerfortbildungen verantwortlich sind. Es gehe darum „den christlichen Religionsunterricht in der pluralistischen Schullandschaft zu stärken“, meint NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer gegenüber ekir.de.
 
Durch das neue Konzept sollen vor allem Gemeinsamkeiten gestärkt werden.
Neben dem schulpolitischen Hintergrund des Modellprojekts spielt auch die sinkende Zahl christlicher Kinder an vielen Schulen eine Rolle, die in Zukunft immer häufiger keine eigenen konfessionellen Klassen mehr bilden werden. Wie viele Schulen sich zum Schuljahr 2019/2020 für KoKoRu neu angemeldet haben, konnte das Ministerium noch nicht sagen. Unterdessen haben sich die Sechstklässler am Gymnasium Broich lebhaft an der Schlussrunde und einem kurzen Gespräch nach dem Unterricht beteiligt. „Das ist interessanter so, wenn Katholiken mir das selbst erklären“, findet Anna. Und Emilie ist aufgefallen, dass Katholiken „ganz andere Sichtweisen haben und viel häufiger zur Kirche gehen“. Lennart dagegen findet, dass man jetzt auch mal wieder für sich bleiben könnte, „um die Feinheiten der eigenen Religion“ besser kennenzulernen. „Dann kann man ja sich ja später wieder treffen, um es den anderen zu erklären, das war schon ganz gut.“
 
ekir.de / Bettina von Clausewitz, Fotos: Kerstin Bögeholz / 11.07.2019 (leicht gekürzt)
ekir.de/www/service/konfessionell-kooperativer-religionsunterricht-31669.php

Katholische Religionslehre

– mehr als nur ein Schulfach, denn im Unterricht wird nicht bloß Wissen über Religion vermittelt, sondern auch der eigene Glaube erfahrbar gemacht. Die Schüler/innen setzen sich aktiv mit der eigenen Religion auseinander, lernen andere Religionen kennen und beschäftigen sich mit Grundfragen des menschlichen Lebens. Das in der Schule Gelernte darf kein träges Wissen sein, es soll die Schüler/innen zum Nachdenken über das eigene Handeln anregen und sie darin bestärken, ihren persönlichen Glauben zu reflektieren und auszuleben.
 
Das schulinterne Curriculum sowie der Kernlehrplan für die Sekundarstufe I sehen vor, während der Erprobungsstufe elementare Kenntnisse über die eigene Konfession und Religion zu vermitteln, aber auch eine weitere abrahamitische Religion, das Judentum, zu thematisieren. Die zu erwerbenden Kompetenzen werden durch die verschiedenen Methoden und Unterrichtsformen vermittelt und geschult.
 
In der Mittelstufe setzen die Schüler/innen sich mit komplexeren Themengebieten (z. Bsp. Reformation und ihre Wirkungsgeschichte, Kreuz und Auferstehung Jesu Christi, Weltreligionen: Islam und Buddhismus) auseinander und beziehen diese auf ihre eigene Lebenswirklichkeit.
 
Das Fach Katholische Religionslehre wird in der Sekundarstufe I zweistündig unterrichtet. Die Schüler/innen bekommen von der Schule das jeweilige Lehrwerk gestellt. Zusätzlich zum Lehrwerk setzen wir Kopien ein, um den Unterricht individuell gestalten zu können.
 
Zu Schuljahresbeginn feiern wir mit den neuen Fünftklässlern einen Einschulungsgottesdienst, für die Abiturienten findet zu ihrer Entlassung ein ökumenischer Gottesdienst statt. Beide Gottesdienste bereiten die Religionslehrer/innen mit Schülerinnen und Schülern der Religionskurse vor.
 
Grundlage der Leistungsbewertung im Religionsunterricht der Sekundarstufe I sind im Folgenden angeführten Leistungen der Schüler/innen:
  • mündliche Beiträge zum Unterricht: Einbringen von Vor- und Fachkenntnissen, Transferleistungen, Formulierung begründeter Standpunkte
  • Ergebnisse der selbstständigen Erarbeitung in Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit: Collage, Rollenspiel, Referat, Internetrecherche, Präsentation, Materialbearbeitung, Umsetzung kreativer Aufgaben
  • schriftliche Beiträge zum Unterricht: Hausaufgaben sowie Heft- und Ordnerführung, aber auch Kurzreferate, Proto- kolle und Ergebnisse von Freiarbeit
  • Lernerfolgsüberprüfungen wie mündliche Wiederholungen, das Vortragen uns Einsammeln von (Haus)aufgaben und schriftliche Lernkontrollen
Die Note „gut“ wird erteilt, wenn der/die Schüler/in über ein fundiertes Fachwissen verfügt und die Fähigkeit zum Dialog und zur Auseinandersetzung altersgerecht im Unterricht eingebracht wird. Die im Unterricht erworbenen methodischen  Kompetenzen sollen sicher und sachgerecht angewendet werden können.
 
Die Note „ausreichend“ wird erteilt, wenn Fachwissen in Grundzügen vorhanden ist und ansatzweise die Fähigkeit zum Dialog und zur sachlichen Auseinandersetzung gegeben sind. Die im Unterricht erworbenen Methoden sollen unter Hilfe- stellung angewendet werden können.
 
Ein Hinweis für „Abmelder“ vom Religionsunterricht 
Von Schüler/innen, die am Religionsunterricht der Sekundarstufe I nicht durchgängig teilgenommen haben, dieses Fach aber in der Sekundarstufe II belegen möchten (Obligatorik: Religion oder Philosophie), wird die Bereitschaft gefordert und erwartet, dass sie die Fähigkeiten, Kenntnisse und Fertigkeiten, die sie aus von ihnen selbst zu verantwortenden Gründen (z. Bsp. Abmeldung) nicht mitbringen, nacherwerben, um die Eingangsvoraussetzungen für eine erfolgreiche Mitarbeit sicherzustellen.