Nathan der Weise

Vom Ruf nach dem Scheiterhaufen zum Liebesdrama
Theaterkritik zur Inszenierung des Dramas „Nathan der Weise“ in der Aula des Gymnasiums Broich im Januar 2020
 
Nathan der Weise ist ein Stück, welches seiner Zeit um Jahrhunderte voraus war. Die Idee Weltreligionen nicht über ihre Unterschiede zu identifizieren, sondern an ihren Gemeinsamkeiten wachsen zu lassen, war im späten 18. Jahrhundert revolutionär und sorgte für entsprechende Diskussionen. Der Protagonist Nathan versucht im Drama die monotheistischen Weltreligionen zu einen. Eine Idee, wie auch Lessing sie vertrat. Während Lessing auf taube Ohren stieß, findet Nathan immer neue Unterstützer und verwirklicht so Lessings Traum eines interreligiösen Dialogs.
 
Die Aktualität des Stückes bleibt tatsächlich auch mehr als 200 Jahre später erhalten. Wie auch antike Fabeln greift Lessing auf die Grundbedürfnisse und Interessen der Menschen zurück. Mit der Darstellung vergeblicher Liebe und blinden Fanatismus zielt er geschickt auf Emotionen des Rezipienten ab. Damit schafft er einen roten Faden, welcher die Auseinandersetzung mit Religionskonflikten zwar nahelegt, aber nicht grundsätzlich fordert.
 
Eine Darstellung, die den Essener Schauspielkollegen Aless Wiesemann, Raphael Batzik und Thilo Matschke durchaus gelegen kam. In ihrer ganz persönlichen Auffassung des Stückes verliehen sie ihm eine fortschrittliche Note. Sie konzentrierten sich darauf die Sprache zeitgenössisch zu halten, da dies, wie sie in der spannenden Nachbesprechung anmerkten, klassische Stücke nunmal ausmache. Sie modernisierten das Stück allerdings an anderen Stellen, so rückten sie den von Lessing so hervorgehobenen Religionskonflikt in den Hintergrund. Der Patriarch von Jerusalem etwa, der Nathan auf dem Scheiterhaufen sehen will, spielt nur eine marginale Rolle. Diese Neuauslegung lässt das Stück wesentlich aktueller wirken, denn während zwar die philosophische Grundsatzfrage hinter dem Religionskonflikt noch aktuell ist, nimmt das Thema Religion eine wesentlich weniger prominente Rolle im Alltag der meisten ein.
 
Der Alltagsbezug des Stückes wird des Weiteren durch den hohen Anteil weiblicher Rollen gestärkt. Während in Lessings Werk die Rolle Rechas in den Hintergrund rückt, obwohl sie am wohl packendsten Handlungsstrang beteiligt ist, räumte das Trio ihrer interessanten Persönlichkeit höheren Einfluss und wesentlich stärkere Redeanteile ein. Das belebt die teils trockene Geschichte, haucht ihr frische Energie ein und fordert Aufmerksamkeit für den meiner Meinung nach wichtigsten Teil des Dramas: Die Liebesgeschichte zwischen der jüdisch aufgezogenen Recha und dem christlichen Tempelherrn.
 
In Lessings Werk wird ihre Liebesgeschichte in kleinen Häppchen über alle fünf Akte präsentiert, was ein fast zerreißendes Gefühl von „Nun kommt mal in die Pötte“ hervorruft. In dieser Interpretation wurde es anders gelöst. Die vielen herzzerreißenden Dia- und Monologe, welche sich sonst über das gesamte Stück ziehen, wurden komprimiert und in einer Szene zusammengefasst, verloren aber keineswegs an Bedeutsamkeit. Im Gegenteil, die Liebesgeschichte profitiert von dieser Form der Darstellung enorm. Die fehlende Auflösung ließ mir dann allerdings keinen Raum zu wünschen übrig, sondern ermöglicht viel eher eine eigene Interpretation.
 
Insgesamt ist die Darstellung des Trios eine spannende und definitiv sehenswerte Auslegung des mir persönlich eher trockenen erscheinenden Dramas von Lessing. Die Figurenkonstellation ist auf das Verständliche beschränkt, die Handlung auf das Spannendste reduziert und der Religionskonflikt auf das Nötige minimiert. Die leicht eigenwillige Interpretation fordert vom Zuschauer Offenheit und Neugierde auf das Unbekannte, vielleicht Verhöhnte, befindet sich damit allerdings sehr nah an Lessings Grundidee des Dramas und zahlt sich definitiv aus.
 
Leonard Ehren