Schulgeschichte

Hier erfahren Sie, wie unsere Schule entstand und was sie in ihrem "Schulleben" alles erlebt hat.
 
Herr Gordon Diertrich vom Ehemaligenverein stellte uns freundlicherweise hierzu einige Artikel aus der Festschrift zum 20-jährigen Schuljubiläum (1985) zur Verfügung.

Die Gründerjahre

Mit einer Kuriosität in Nordrhein-Westfalen begann der Start des Broicher Gym­nasiums Ostern 1965. Der Rat der Stadt und die Eltern hatten eine Koedukationsschule, in der Jungen und Mädchen gemeinsam in einer Klasse unterrichtet wurden, gewünscht.
 
Der Kultusminister, der sich zu dieser Zeit noch nicht zu einem „Ja" zur reinen Koedukation durchringen konnte, gestattete der Stadt Mülheim die Einrichtung eines Gymnasiums für Jungen und Mädchen; und so begann im April der Unterricht des „Städt. Neusprachlichen Gymnasiums für Jungen und Mädchen i. E." (unser erster Schulname) mit drei Eingangsklassen und zwei Klassen Jahrgangsstufe 6, fein nach Geschlechtern getrennt, in der Kettwiger Straße in der alten „Rahmen-Schule".
 
Das Lehrerzimmer, mehr einer Gaststätte als einem Arbeitszimmer ähnelnd, war so gemütlich, daß einige der Gründungskollegen Samstagsmittags nicht heimfanden; das Sekretariat — entsprechend der Größe der Schule — klein und zierlich — mit dem Direktorzimmer nur durch eine Barriere verbunden, lag im ersten Stock.
Den Schulhof hatten wir gemeinsam mit der Sonderschule, was ab und an zu kleinen und großen Problemen führte, die Herr Vogtmann, der Hausmeister der beiden Schulen, jedoch stets bewältigte.
Probleme gab es auch mit der Lehrertoilette — es war nur eine vorhanden — und diese nur zu erreichen, indem man entweder durch ein Klassenzimmer ging oder eine Außentreppe benutzte, die an den Fenstern dieses Klassenzimmers vorbeiführte. Und waren Schüler und Schülerinnen dem Kollegium nicht hold, verschlossen sie die Tür von innen.

Ostern 1966 sollte der Neubau in Broich bezugsfertig sein, doch die Vorstellungen der Stadtverwaltung und der Schulleitung gingen nicht in Erfüllung, also hieß es, wohin mit den neuen Fünfklässlern?
Die Lösung: wir wanderten. Fünf Klassen blieben in der Kettwiger Straße, die anderen wurden in die Kaufmännische Schule an der Klüse ausquartiert. In der Zeit war die Stadt finanziell so gut gestellt, daß die Kollegen und Kolleginnen, die in den Pausen eilends von der Kettwiger Straße zur Klüse, bzw. umgekehrt wandern mußten, ob der Entfernung mit Kilometergeld entlohnt wurden. Ein Wunsch ging jedoch in Erfüllung. Kultusminister Professor Dr. Mikat gestattete Ostern 1966 die Umwandlung der Schule in eine reine Koedukationsschule. Damit waren wir in Nordrhein-Westfalen das erste Gymnasium, das Jungen und Mädchen in einem Klassenverband unterrichtete; heute eine Selbstverständlichkeit, damals ein noch sehr umstrittenes Novum.
 
Aufgrund der Umstellung des Schuljahresbeginns von Ostern auf den ersten Schultag nach den Sommerferien wurden von Ostern 1966 bis zu- den Sommerferien 1967 zwei Kurzschuljahre eingeführt. Folge: neue Probleme. Der große Schülerandrang zum Broicher Gymnasium war für die Gründungsväter und -mütter sehr erfreulich, er machte uns aber auch Sorgen, denn das „links-ruhrische" Gebäude war noch nicht bezugsfertig; wohin also mit den vielen Klassen? Dem Kopfzerbrechen wurde ein Ende bereitet, als wider Erwarten mit Beginn des zweiten Kurzschuljahres im Dezember 1966 die Broicher Realschule ihr neues Gebäude in Broich beziehen konnte und der Priesters Hof am Werdener Weg frei wurde. Heute erstreckt sich dort ein Park. Wir wanderten erneut.
 
1966 fanden Broicher Eltern, daß es nicht gerecht sei, daß in Mülheim a. d. Ruhr Mädchen keine Gelegenheit hätten, beim Eintritt in die Jahrgangsstufe 5 mit Latein als erster Fremdsprache ihre gymnasiale Laufbahn zu beginnen. Für alle Eltern stellvertretend „kämpfte" unsere heutige CDU-Bundestagsabgeordnete, Frau Dr. Helga Wex, mit mir gemeinsam, um die Zustimmung zur Einrichtung von Lateinklassen vom Rat der Stadt und von der damaligen Aufsichtsbehörde, dem Schulkollegium beim Regierungspräsidenten in Düsseldorf, zu bekommen.
 
1967 konnten wir auch diesen Versuch starten, leider fanden sich seit 1970/71 nicht mehr genügend Kinder, deren Eltern die Sprachenfolge Latein — Englisch wünschten.
1967, am 7. September, war es endlich soweit, daß auch wir — mittlerweile 19 Klassen (662 Schüler/Schülerinnen, davon 310 Jungen, 352 Mädchen) — unser Atriumgebäude in Broich beziehen konnten.
 
Doch vor diesem freudigen Ereignis lagen arbeitsreiche Tage; Schüler und Schülerinnen, Lehrer und Lehrerinnen mußten selbst ihre Utensilien, Landkarten, Bücher, Modelle für den Biologieunterricht einpacken. Es floß viel Schweiß, aber es gab auch viel Spaß und stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl. Unsere Annahme, wir seien nun aus dem Gröbsten heraus, war jedoch leider falsch. Die vierzügig geplante Schule, der Atriumbau, war schon für die 19 Klassen zu klein. In den Jahren, die nun folgten, die einen explosionsartigen Zulauf dem Gymnasium brachten, die uns nicht nur weiteren Baulärm bescherten, sondern auch den Start des Schulversuches „Differenzierte Mittelstufe", sehnten sich die Gründungsmitglieder des Broicher Gymnasiums, Herr Kühn, Herr Lüning-höner, Frau Meyer, Herr Schmitt, Frau Zaree Parsi-Röchling und andere mehr, manchmal nach einer Zigarettenpause im alten Lehrerzimmer an der Kettwiger Straße, wo das Biologie-Modell Huhn stets neue Zigaretten legte.
 
Im Jahr 1972 endet mit dem ersten Abitur die Entstehungszeit des Broicher Gymnnasiums. 1952 hatte es im Paragraphen 2, Absatz 5, des Schulordnungsgesetzes geheißen „Bei der Gestaltung des Schulwesens ist die Eigenart der Geschlechter zu berücksichtigen." In einem Kommentar zu diesem Gesetz kann man nachlesen, „die psychologische Erfahrung läßt befürchten, daß die frühzeitige, fortwährende Auseinandersetzung mit dem anderen Geschlecht in der Schule die Ausbildung der Eigenart des Kindes hemmt, ja sogar schädigt.
 
In der Zeit, da das Kind zum Mann und zur Frau heranwächst, sollte jedes Geschlecht, so wie es dem Bedürfnis des Kindes entspricht, in seiner Art reifen." Daß es heute eine Selbstverständlichkeit ist, daß Jungen und Mädchen in Nord­rhein-Westfalen gemeinsam in gymnasialen Klassen unterrichtet werden, zeigt, daß das Vertrauen, das der Rat der Stadt Mülheim, die Stadtverwaltung und der Kultusminister in uns setzten, gerechtfertigt war. Dennoch kann man noch heute die anfängliche Weigerung des Kultusministeriums, Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichten zu lassen, rein äußerlich an den vielen Türen erkennen, die im Atriumbau des Broicher Gymnasiums vorhanden sind. Sie sollten die Jungen von den Mädchen, die Mädchen von den Jungen fernhalten.
 
Heute stehen sie offen, und ich hoffe, sie bleiben — symbolisch — zum Wohle aller stets offen.
Lieselotte Jansen

Die ersten zehn Jahre

Von seiten der Schulleitung wurde ich gebeten, einen kleinen Überblick aus meiner Sicht über die ersten Jahre des Broicher Gymnasiums zusammenzustellen, was ich gern übernommen habe.

Seit 1949 war ich an der alten „O. R." — der heutigen Karl-Ziegler-Schule — unter den Direktoren Paul Voigt und Dr. Heinrich Nöcker tätig, danach veränderten sich die bestehenden Verhältnisse und guten Arbeitsmöglichkeiten. Viele meiner ehemaligen dortigen Kollegen baten aus diesen Gründen um ihre Versetzung an andere Schulen. Etwa im Jahre 1964 verdichteten sich dann in Mülheim die Gerüchte, daß ein neues Gymnasium aufgebaut werden sollte. Erich Herker, Heinz Wittenbrink und ich bewarben sich sofort um eine Versetzung an die neue Schule. Nach den Osterferien 1965 war es dann soweit — das Broicher Gymnasium wurde gegründet.

Zunächst wurde eine neue Schule — übrigens das erste Mülheimer Gymnasium mit Koedukation — in einem recht alten Schulgebäude in der Kettwiger Str. 62 mit fünf Klassen und 150 Schülerinnen und Schülern untergebracht. Die ersten vollausgebildeten Lehrkräfte waren: Lieselotte Jansen als Leiterin und die damaligen Studienassessorinnen und -assessoren Walter Dietze, Otfried Schmidt, Sibylle Steinrücke, die außerdem noch an der Luisenschule unterrichtete, und Luise Meyer. Die damaligen Oberstudienräte Erich Herker und Hans W. Kühn wurden durch das Schulkollegium Düsseldorf von der O. R. an die neue Schule mit je 12 Wochenstunden abgeordnet. Dadurch war es mir möglich, von Beginn an die ersten zehn Jahre des Aufbaus dieser Schule mitzuerleben. Außerdem wurden noch eine Reihe von Unterrichtsstunden von Aushilfskräften erteilt. Im Kollegium herrschte ein netter Ton, die Arbeitsmöglichkeiten waren aufgrund einer sehr harmonischen Zusammenarbeit gut. So ist es auch zu verstehen, daß wir Lehrer unsere Schule „Das Schülchen" nannten.
 
Da ich Herrn Wittkugel, damals Beigeordneter der Stadt Mülheim, gut kannte, konnte ich ihn dazu bewegen, einen ehemaligen Schüler von mir — Heinz Lüninghöner — damals Sportlehrer bei der Stadt Mülheim — für einige Sportstunden für die Schule freizustellen. Etwas später trat er ganz in den Schuldienst ein. Nach einem Jahr wurden Erich Herker und ich endgültig an die Schule versetzt, dann stieß auch Heinz Wittenbrink zu uns. Es folgten die beiden Kurzschuljahre. Neue Lehrer kamen: Christa Zaree-Röchling, Karl-Heinz Gehrke, Norbert Zacheja, Elsa Tempelhof (zunächst mit halber Stundenzahl) und Alice Koch-Gierlichs. Die Schule war gewachsen, wir hatten jetzt 292 Schüler. Im ersten Kurzschuljahr bekamen wir zwei neue Klassenräume in Schulbaracken auf dem Hof. Im Jahr darauf wurden uns weitere Klassenräume in der städtischen Berufsschule zur Verfügung gestellt, und damit fing das „Wandern" der Lehrer an. Da die meisten von uns motorisiert waren, ergaben sich wenig Schwierigkeiten, aber teilweise wurde auch geradelt; so hat sich z. B. Walter Dietze nur zu diesem Zweck ein Fahrrad gekauft.

Da die Schule schneller wuchs als neue Lehrkräfte — damals gab es ja noch großen Lehrermangel — zur Verfügung standen, mußte ich als Naturwissenschaftler etwas Mathematik unterrichten. Da ich schon früher in der ehemaligen O. R. solchen Unterricht erteilt hatte, ergaben sich keine Schwierigkeiten, mich erst in ein neues Gebiet einarbeiten zu müssen. Auch Frau Jansen übernahm diesen Unterricht. Alle Kollegen, die den fachfremden Unterricht aushilfsweise erteilen sollten, mußten an einem Kursus teilnehmen. Zu dieser Zeit stand nämlich die Mengenlehre hoch im Kurs. Diese „Nachhilfe" dauerte ein halbes Jahr mit zwei bis drei Wochenstunden und fand in Duisburg statt. Ob Frau Jansen allerdings noch lange Mathematik unterrichten mußte, weiß ich heute nicht mehr; für mich jedenfalls war es nur ein kurzes Zwischenspiel, denn dann fehlten in der immer größer werdenden Schule auch die Naturwissenschaftler und zwar zunächst ein Physiker.
 
Bald traten auch Gisela Münker und Maria Porten in unser Kollegium ein. Endlich, nach den Sommerferien 1967, konnten wir gemeinsam den Neubau beziehen, wobei Lehrer und Schüler zupacken mußten. Damit aber war leider auch die „Schülchenzeit vorüber. Im Schuljahr 1967/68 hatten wir schon 19 Klassen mit 662 Schülern und 27 Lehrkräften. Neu in das Kollegium traten ein: Dr. Liselotte Blechmann, Marie Luise Weßler, Volkmar Heckes, Helmut Kampschulte, Willi Kolling, Josef Molitor, Friedrich Severing, Agathe Knümann, Elke Poeschmann, Anneliese Paulat, Gabriele von Mook, und außerdem erteilte eine Gastlehrerin, Mary Wright aus den USA, englischen Unterricht.
Ferner darf nicht vergessen werden, daß mit uns noch Hildegard Schauenburg, als Schulsekretärin, mit in das neue Gebäude einzog. Sie kam vom Schulamt und war daher mit allen verwaltungstechnischen Fragen sehr vertraut und hat uns viel geholfen. Bald aber war für sie die Arbeit so angestiegen, daß die Schule eine weitere Kraft benötigte — Frau Petra Becker.
 
Nicht mehr zum Kollegium zählten Sibylle Steinrücke und Maria Porten, da sie sich für ein Jahr in die USA beurlauben ließen. Beide sind nicht mehr an die Schule zurückgekehrt. Nur ein Schaukelstuhl von „Sibby" — so wurde sie von ihren Freunden genannt — blieb als Erinnerung an sie zurück und führte bis zu ihrer Rückkehr nach Deutschland im Lehrerzimmer ein einsames Dasein; denn nur selten hatte ein Kollege Zeit, ihn zu benutzen; jetzt gab es viel Arbeit. Es mußte nämlich mit dem Aufbau der verschiedenen Sammlungen wie Physik, Chemie, Biologie, Geographie, Büchereien u. a. m. begonnen werden. Die damalige Lehrbuchfreiheit kam noch hinzu. Die zur Verfügung stehenden Gelder mußten relativ kurzfristig und termingerecht für die Anschaffungen ausgegeben werden, es mußten also eine Zahl von "Pöstchen", die mit viel Arbeit verbunden waren, vergeben werden. Im wesentlichen handelte es sich um die Sammlungsleiter der einzelnen Fachgebiete. Aber auch Verwaltungsarbeiten mußte Frau Jansen an einzelne geeignete und zuverlässige Kollegen delegieren.
 
In all den zehn Jahren hat uns das Hausmeisterehepaar Vogtmann immer in allen anstehenden Fragen unterstützt und stets bereitwillig geholfen, und wie mir erzählt wurde, ist das bis zu ihrer Pensionierung auch so geblieben. Für die folgenden Schuljahre soll keine Aufstellung der Namen von den Lehrkräften mehr erfolgen; denn die Schule wuchs und wuchs und erreichte in meinem letzten Dienstjahr 1974/75 eine Zahl von 1481 Schülerinnen und Schülern und etwa 60 Lehrer. Jetzt fehlte nur noch der offizielle Stellvertreter für Frau Jansen; Walter Hanß wurde im Jahre 1968 dazu vom Schulausschuß gewählt. Er war durch seine früheren Dienstzeiten für diese Aufgaben prädestiniert. Wie schon kurz angedeutet, war der Zusammenhalt während der „Schülchen-zeit" besonders gut, vieles wurde gemeinsam unternommen. So erinnere ich mich noch an ein Huhn aus der biologischen Sammlung, das auf dem Lehrerzimmertisch stehen mußte (Platzmangel). Dieses Huhn konnte sogar Eier in Form von gefüllten Zigarettenschachteln legen! Umschichtig legten nämlich die Kollegen diese Schachteln neben das Huhn, so daß sich jeder bedienen konnte. Gern denke ich an ein Gartenfest bei Münkers zurück, wo wir bis spät in die Nacht im Garten fröhlich zusammensaßen. In dieser Zeit hatten sich Freundschaften gebildet, die lange hielten und noch anhalten. Mit dem Ende der „Schülchenzeit" mußte sich zwangsläufig einiges ändern — das Kollegium war einfach zu groß geworden. Im Verlauf meiner Dienstzeit konnte ich in Broich drei meiner ehemaligen Schüler als Kollegen begrüßen: Hans Fischer, Heinz Lüninghöner und Norbert Zacheja.
 
Aus den Reihen des Kollegiums sind in den ersten zehn Jahren des Bestehens zwei Oberstudiendirektoren hervorgegangen (Heinz Wittenbrink und Udo Poseck), und zwei Kollegen waren mehrere Jahre im Auslandsschuldienst (Ottfried Schmitt und Friedrich Severing).
 
Ein wichtiges Ereignis für eine neugegründete Schule ist das erste Abitur. Es fand bei uns am Ende des Schuljahres 1971/72 statt. Es waren 2 Klassen mit 20 Schülerinnen und 11 Schülern. Alle bestanden das Examen.
 
Gern denke ich an meine Dienstzeit am Broicher Gymnasium zurück und möchte sagen, es war die schönste Zeit während meiner Berufstätigkeit.
Hans W. Kühn, Studiendirektor i. R.